Interview mit Univ.-Prof. Dr. Stefan Schaller

B. Fischill – Redaktion Anaesthesie.news: Warum war es gerade jetzt notwendig, erstmals eine evidenzbasierte Leitlinie zur perioperativen Versorgung von Patient:innen mit Frailty im deutschsprachigen Raum zu entwickeln?

Prof. Schaller ©MUW

Univ.-Prof. Dr. Stefan Schaller: Die Notwendigkeit ist in den letzten Jahren sehr deutlich geworden: Es werden immer mehr ältere und zugleich vulnerable Patient:innen operiert und wir wissen inzwischen aus vielen Studien, dass Frailty ein eigenständiger Risikofaktor für postoperative Komplikationen, längere Krankenhausaufenthalte und erhöhte Mortalität ist. Gleichzeitig wurde in der Versorgung und auch in der Forschung lange zu stark nach chronologischem Alter unterschieden, während Frailty oft gar nicht systematisch erfasst wurde. Genau deshalb brauchte es jetzt eine evidenzbasierte S3-Leitlinie: um das vorhandene Wissen zu bündeln, klinisch nutzbar zu machen und erstmals einen strukturierten Rahmen für die perioperative Versorgung dieser Patient:innengruppe im deutschsprachigen Raum zu schaffen.

B. Fischill: Was bedeutet „Frailty“ konkret im klinischen Alltag – und warum ist es so wichtig, diesen Zustand frühzeitig vor einer Operation zu erkennen?

Stefan Schaller: Frailty bedeutet im klinischen Alltag nicht einfach „hohes Alter“, sondern eine verminderte physiologische Reserve und eine geringere Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen. Das heißt: Ein Eingriff, den ein robuster Mensch gut kompensiert, kann bei einer gebrechlichen Person sehr viel leichter zu Delir, Funktionsverlust, Komplikationen oder einem langen Erholungsverlauf führen. Gerade deshalb ist die frühe Erkennung so wichtig. Wenn Frailty rechtzeitig gescreent wird, idealerweise schon bei der Operationsindikation, können wir modifizierbare Risiken gezielt angehen, etwa durch weiterführende geriatrische Diagnostik, Prähabilitation, bessere interdisziplinäre Planung oder eine angepasste postoperative Betreuung. Die Leitlinie empfiehlt für das Screening auf Frailty die Clinical Frailty Scale, weil sie im Alltag praktikabel ist (geringer Zeitaufwand) und eine gute prädiktive Aussagekraft hat.

B. Fischill: Welche Maßnahmen entlang des gesamten perioperativen Prozesses haben aus Ihrer Sicht das größte Potenzial, Komplikationen wie Delir oder verlängerte Krankenhausaufenthalte zu reduzieren?

Stefan Schaller: Das größte Potenzial liegt nicht in einer einzelnen Maßnahme, sondern in einem durchgängigen, strukturierten Behandlungspfad. Am Anfang steht das frühe Frailty-Screening, damit Risiken überhaupt sichtbar werden. Präoperativ ist Prähabilitation wichtig, idealerweise multimodal mit Bewegung, Ernährungsberatung und (wo sinnvoll) psychologischer Unterstützung. Intra- und postoperativ kommt es dann auf standardisierte, interprofessionelle Prozesse an: frailty-sensible Versorgungskonzepte wie Comprehensive Geriatric Care (ganzheitliche geriatrische Versorgung), ein konsequentes Delir-Screening mit validierten Instrumenten, frühe Mobilisation, gute Kommunikation im Team und eine vorausschauende Rehabilitation. Gerade beim Delir sehen wir, dass frühes Erkennen und standardisierte Prävention entscheidend sind; und bei der Mobilisation gilt: Wenn keine Kontraindikationen bestehen, sollte so früh wie möglich mobilisiert werden.

B. Fischill: Die Leitlinie betont auch Aspekte wie Prähabilitation, Einbindung von Angehörigen und palliative Optionen: Bedeutet das einen grundlegenden Wandel im Verständnis von operativer Medizin bei vulnerablen Patient:innen?

Stefan Schaller: Es ist ein Wandel hin zu einer stärker patient:innenzentrierten operativen Medizin. Bei vulnerablen Patient:innen reicht es nicht mehr, nur die technische Durchführbarkeit einer Operation zu betrachten. Entscheidend ist die Frage, welches Therapieziel realistisch und im Sinne der betroffenen Patient:innen überhaupt wünschenswert ist. Dazu gehören Prähabilitation zur Verbesserung der Ausgangslage, die Einbindung von Angehörigen oder vertrauten Personen gerade bei kognitiven Einschränkungen und in bestimmten Situationen auch eine palliativmedizinische Perspektive. Das bedeutet nicht automatisch Verzicht auf eine Operation, sondern eine differenziertere, werteorientierte Entscheidungsfindung, die Lebensqualität, Funktionalität und individuelle Ziele stärker in den Mittelpunkt rückt.

DLR: Ergebnisbericht: https://innovationsfonds.g-ba.de/downloads/beschluss-dokumente/1074/2026-03-20_FrailtyOP_Ergebnisbericht.pdf.

Details zum Projekt: https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/frailtyop.523#projektleitung-und-konsortialpartner 

AWMF: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/001-048