1. Die Gründungsidee Frau Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Steinlechner, 

Sie haben mit „Ethik der Verbundenheit“ eine Plattform ins Leben gerufen, die den Dialog über Menschlichkeit, Verantwortung und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern möchte.
Gab es einen konkreten Moment oder eine persönliche beziehungsweise berufliche Erfahrung, die Sie dazu bewogen hat, dieses Projekt zu gründen? Und welche gesellschaftliche Lücke möchten Sie damit schließen?


Lassen Sie mich die inhaltlichen Fragen mit einem Gedanken aus Rebecca Solnits Essay

„Call Them by Their True Names“ einleiten:

„Stellen Sie sich Hoffnung als eine aus feinen Fäden gewirkte Fahne vor: gewoben aus dem Bewusstsein der Verbundenheit aller Dinge, aus den nachhaltigen Wirkungen nicht nur der schlechtesten, sondern auch der besten unserer Handlungen – in einer unteilbaren Welt, in der alles Bedeutung hat.“

Dieser Gedanke beschreibt sehr gut, was uns inspiriert:
Dinge beim Namen zu nennen, Fragen zu stellen, Impulse zu geben und Räume für Dialog zu öffnen – nicht nur im klinischen Alltag, sondern auch darüber hinaus.

Die Idee zur „Ethik der Verbundenheit“ ist unmittelbar aus meiner Arbeit in der Herzanästhesie entstanden. Dort erlebe ich, wie eng medizinische Entscheidungen mit ethischen Fragen verknüpft sind – und wie wenig Raum oft bleibt, diese gemeinsam zu reflektieren.
Aus diesem Spannungsfeld heraus entstand zunächst ein kleines Literaturformat:
Am 18. August 2021 trafen sich erstmals acht Kolleginnen im „AKH-Garten“, unter anderem mit mitgebrachten Klappstühlen, um über Texte von Rebecca Solnit und Sayantani DasGupta (Narrative Humility) zu sprechen – darüber, Patientenerzählungen mit Empathie zu begegnen, ohne zu behaupten, sie vollständig erfassen zu können (kein „narrative mastery“).

Aus diesem Treffen entwickelte sich unser „Literaturfrühstück“, das in einer bewusst offenen, interdisziplinären Runde stattfindet.
Unterstützt wird diese Idee von Beginn an von Kolleginnen und Kollegen, die in freundschaftlicher Verbundenheit ihre Ideen und Literaturbeispiele (Irene Pecnik, Eva Katharina Masel, Klara Jadrna und mittlerweile viele andere) einbringen und so ein Feuerwerk an Gelesenem sowie eine Erweiterung der Gedanken fördern.

Der Verein führt diese Idee weiter und schafft Räume für Dialog zwischen Medizin, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft.
Ein Beispiel ist das kommende Literaturfrühstück am 28. November 2026 im Josephinum mit Peter Kirchschläger zum Thema „Ethik der digitalen Transformation“.

2.    Verbundenheit in einer fragmentierten Gesellschaft Der Begriff „Verbundenheit“ wirkt heute beinahe wie ein Gegenentwurf zu Polarisierung, Beschleunigung und digitaler Vereinzelung. Welche Menschen möchten Sie mit Ihrem Verein besonders ansprechen? Wer findet bereits zu Ihren Veranstaltungen, und welche Formen des Austauschs entstehen dort zwischen Medizin, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft?

„Verbundenheit“ verstehen wir dabei als bewussten Gegenpol zu gesellschaftlicher Fragmentierung – einer Entwicklung, die sich auch in ursprünglich verbindenden Bewegungen wie dem Feminismus zunehmend in Form von Vereinzelung und Polarisierung zeigen kann. Umso wichtiger erscheint es uns, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven nicht gegeneinanderstehen, sondern miteinander ins Gespräch kommen.

In diesem Sinne findet auch unser zweites Symposium bewusst am Internationalen Frauentag, dem 8. März 2027, im Josephinum statt:

Ethik der Verbundenheit „Wahrheit – zwischen Klarheit und Zumutung“
Montag, 8. März 2027, 17:00 – ca. 19:30 Uhr, Josephinum, Währinger Straße 25, 1090 Wien

Im Zentrum steht die Frage: Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch – und wann wird Ehrlichkeit zur Zumutung?
Und weitergedacht: Was hält uns gerade dann in Verbindung, wenn es unbequem wird?

Weitere Formate greifen dieses Anliegen auf: So zeigen wir am 30. September 2026 im Votivkino im Rahmen eines Kinoabends den Film „Die Dohnal“ als Ausgangspunkt für Gespräche über Mut, Solidarität und Gleichberechtigung. Johanna Dohnal ist jüngeren Kolleginnen und Kollegen zum Teil nicht mehr bekannt.

Auch das ist ein Anliegen: Wir bauen unsere Biografien unter anderem auf der Arbeit und den Gedanken von Menschen auf, die viel gedacht, gearbeitet und sich engagiert haben.
Geschichte ist wichtig und bewahrt vor Wiederholung aus bloßem Nichtwissen.

3.    Ethik, Medizin und Literatur Sie sind als Herzanästhesistin täglich mit Grenzsituationen des Lebens konfrontiert. Welche Rolle spielen Literatur, Philosophie und kulturelle Reflexion für Ihr Verständnis von Medizin? Und weshalb halten Sie gerade ein Literaturprogramm für einen geeigneten Rahmen, um über ethische Fragen, Verantwortung und menschliche Verbundenheit nachzudenken?

Literatur und Philosophie spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie eröffnen Perspektiven, die im medizinischen Alltag oft zu kurz kommen, und schärfen den Blick für Verantwortung und Verletzlichkeit.

Simone Weil hat dies prägnant formuliert:
„Die Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit.“

In diesem Sinne verstehen wir unsere Arbeit als eine Form der Übung in Aufmerksamkeit – füreinander und für die Fragen, die uns verbinden. Und wiederum in Verbindung mit der Patientinnen- und Patientenbetreuung, aber auch im Privaten, ein Aufweichen und Sichtbarmachen von „narrative mastery“ in unserer Gesellschaft.

Unser Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen gemeinsames Nachdenken möglich wird und aus denen Menschen mit neuen Impulsen, erfrischt und gestärkt – mit Fragen und mit Freude – in ihren Alltag zurückkehren.