Frage 1: Frau Professorin Sinner, die Anästhesie und Intensivmedizin entwickelt sich derzeit mit hoher Geschwindigkeit weiter – von komplexen Organersatzverfahren wie ECMO, über zunehmend datenbasierte Intensivmedizin bis hin zu KI-gestütztem Monitoring. Gleichzeitig sind Sie seit 2022 Direktorin der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin in Innsbruck und seit 2025 Präsidentin-elect der ÖGARI. Sie verfügen über eine außergewöhnlich breite klinische Qualifikation – von spezieller Intensivmedizin über Kardioanästhesie bis hin zur Transplantationsmedizin. Wie wichtig ist eine solche fachliche Breite heute, um den Anforderungen der modernen Anästhesie und Intensivmedizin gerecht zu werden?

Prof.in Sinner: Ich bin sehr froh, dass ich eine breite Ausbildung genossen habe, das hilft mir für meine Arbeit an der Medizinischen Universität am Landeskrankenhaus Innsbruck. Gerade in der Anästhesie ist das enorm wertvoll.

Zwar ist unser Fach häufig einzelnen operativen Disziplinen zugeordnet – etwa Neuro- oder Herz-Anästhesie. Das ist deshalb sinnvoll, weil man dafür spezifisches Fachwissen und eingespielte Abläufe braucht. Gleichzeitig reicht dieses „fachgebundene“ Wissen allein nicht aus: Um Patientinnen und Patienten sicher zu führen, ist das Wissen aus den anderen Bereichen der Anästhesie, wie z. B. Herzanästhesie oder Intensivmedizin aber auch die Grundlagen anderer Fächer wie – Kardiologie, Pneumologie, Nephrologie oder Hämatologie und viele mehr.

Denn Patient:innen sind heute deutlich komplexer, und Anästhesie ist längst mehr als nur „Narkose“. Es geht um perioperative Medizin insgesamt: hämodynamisches Management, Gerinnungs- und Blutungsmanagement, Atemwegs- und Beatmungsstrategien, Delir- und Sedierungsmanagement – und vor allem um den kompetenten Umgang mit Begleiterkrankungen. Eine zentrale Aufgabe ist, die Machbarkeit und das Risiko einer Operation im Gesamtkontext der Komorbiditäten realistisch einzuschätzen, den perioperativen Verlauf abzuschätzen und das perioperative Vorgehen entsprechend zu planen.

Genau hier zeigt sich die Stärke einer breiten Facharztausbildung: die Fähigkeit, Wissen aus unterschiedlichen Bereichen zu verknüpfen und situationsgerecht anzuwenden – diese „Transferkompetenz“ gehört aus meiner Sicht zu dem Kernauftrag unseres Faches.

Darum ist für mich die ideale Entwicklung eine Spezialisierung in die Breite als solides Fundament – und darauf aufbauend eine Spezialisierung in die Tiefe in ausgewählten Schwerpunkten.

Frage 2: Neben Ihrer klinischen Tätigkeit engagieren Sie sich seit vielen Jahren intensiv in der universitären Lehre. Hat sich das Rollenverständnis der Studierenden aus Ihrer Sicht verändert? Welche Entwicklungen und aktuellen Trends beobachten Sie bei Medizinstudierenden und jungen Ärztinnen und Ärzten – etwa im Lernverhalten, im Zugang zu Wissen oder in ihren Erwartungen an Ausbildung und klinische Tätigkeit?

Prof.in Sinner: Bei Medizinstudierenden und jungen Ärzt:innen sieht man aktuell drei große Trends: ein verändertes Rollenverständnis, ein neues Lernverhalten und klarere Erwartungen an Ausbildung und Arbeitsalltag.

Rollenverständnis: Die junge Generation legt mehr Wert auf Selbstschutz und Nachhaltigkeit – mit Work-Life-Integration, planbarer Freizeit und dem Thema mentale Gesundheit. Gleichzeitig steigt der Anspruch an Struktur und Fairness: klare Lernziele, verlässliche Dienstpläne, transparente Beurteilung und respektvoller Umgang. Hierarchien werden weniger „automatisch“ akzeptiert; Autorität entsteht eher durch Kompetenz, gute Kommunikation und Teamorientierung.

Lernverhalten: Lernen wird stärker modular und schnell: sog. Microlearning mittels kurzer Formate wie Podcasts, „Evidenzsuche in Echtzeit“ über digitale Tools. Das ist effizient, kann aber als Kehrseite ein fragmentiertes Patchwork-Wissen bedeuten, wenn nicht bewusst Struktur und Tiefe hergestellt werden.

Erwartet wird heute eine kompetenzorientierte Ausbildung, die gezielt zur Selbstständigkeit hinführt: Bei Studierenden eher im Sinn eines flipped classroom (Vorbereitung vorab, Anwendung in der Praxis), bei jungen Ärzt:innen als supervised autonomy – also eigenständiges Arbeiten, aber mit klarer Supervision und abgestuften Verantwortlichkeiten. Dazu gehören viel praxisnahes Lernen sowie regelmäßiges, konkretes Feedback, das zeitnah und umsetzbar ist.

Mindestens genauso wichtig ist das Lernklima in der Abteilung: ein gutes Arbeitsklima, Wertschätzung und eine positive Teamkultur. Viele wünschen sich außerdem mehr „Sensemaking“ – also zu verstehen, warum man etwas macht – und mehr Effizienz im Alltag: weniger unnötige Tätigkeiten und Prozesse, die weder Lernwert noch Patientennutzen haben. Perspektivisch ist gewünscht, dass die Aus- und Weiterbildung verschiedene Lebensphasen berücksichtigt und über diese geplant werden kann. Die Ausbildung ist heute nicht mehr „der Reihe“ nach, sondern eher eine Portfoliokultur, also Karrierewege, die Klinik mit Lehre, Forschung, Qualität oder Management kombinieren.

Frage 3: Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in Medizin, Forschung und Ausbildung, auch in der Anästhesie und Intensivmedizin. Gleichzeitig betonen Sie die Bedeutung von Mentoring, Führungskultur und persönlicher Förderung junger Kolleginnen und Kollegen. Welche Rolle wird KI in den kommenden Jahren spielen – und könnte sie Teile klassischer Mentoringstrukturen verändern oder gewinnt eine persönliche Betreuung gerade in einer zunehmend digitalisierten Medizin noch stärker an Bedeutung?

Prof.in Sinner: KI wird Mentoring in den nächsten Jahren sicher verändern – aber sie wird die persönliche Betreuung nicht ersetzen. Im Gegenteil: Je digitaler die Medizin wird, desto wertvoller wird das, was nicht digitalisierbar ist. KI kann sehr gut als täglicher Lerncoach dienen: Sie hilft beim Strukturieren von Wissen, beim Vorbereiten auf Fälle, beim Wiederholen und beim schnellen Nachschlagen. Auch in der Ausbildung kann sie unterstützen, indem sie Kompetenzen „mittrackt“ – etwa absolvierte Skills, Fallzahlen und Feedback – und so einen standardisierten Kompetenzpfad transparenter macht.

Die entscheidenden Mentoring-Komponenten bleiben aber menschlich: Karriereentwicklung und Sichtbarkeit entstehen über Netzwerke, Empfehlungen und aktive Chancenvergabe – also über Sponsoring. Ebenso kann KI nicht ersetzen, was im klinischen Alltag oft am wichtigsten ist: Reflexion, Einordnung, der Umgang mit Unsicherheit, Rollenentwicklung und das Lernen aus kritischen Situationen.

Ich glaube deshalb, dass sich Mentoring in Richtung Hybridmodell entwickeln wird: KI als niederschwellige, jederzeit verfügbare Unterstützung im Alltag – und dazu eine feste menschliche Mentor:in, die gezielt Feedback gibt, Entwicklungsschritte begleitet und Türen öffnet. Gleichzeitig wird Mentoring vermutlich „kleinteiliger“ werden: mehr Micro-Mentoring in kurzen, regelmäßigen Touchpoints (z. B. 5–10 Minuten Debrief nach einem schwierigen Fall) statt seltener großer Gespräche.

Und inhaltlich wird sich Mentoring noch stärker auf das konzentrieren, was KI nicht kann: nicht-technische Skills wie Kommunikation, Leadership, Patientensicherheit, Bias-Sensibilität, Ethik und Teamkultur. KI kann uns effizienter machen – aber gerade dadurch wird die persönliche Betreuung als Kompass, Korrektiv und Entwicklungspartner eher wichtiger als weniger.