Gedanken am Ende meiner beruflichen Laufbahn

In vielen medizinischen Bereichen sind bereits gravierende Lücken in der Behandlungskontinuität spürbar. Die Folgen dieser Entwicklungen sind ebenfalls sichtbar: So benötigen zum Beispiel Fachärzt:innen in chirurgischen Fächern während ihrer Bereitschaftsdienste im zunehmenden Ausmaß erfahrene „abrufbare Kolleg:innen“ im Hintergrund, um bei komplexen Notfällen (etwa in der Nacht) eine adäquate Versorgung gewährleisten zu können.
Oder chirurgische Eingriffe werden verzögert bzw. stufenweise durchgeführt, obwohl eine Primärversorgung bei entsprechender klinischer Expertise durchaus möglich ist. Auch das Komplikationsmanagement wird komplizierter, da die Behandlung nur mehr selten von den primär dafür Verantwortlichen durchgeführt wird. Im intensivmedizinischen Bereich fehlt es zunehmend an klinischer Berufserfahrung, um zum Beispiel Therapiezieländerungen im Sinne von DNE („Do Not Escalate“) und CTC („Comfort Terminal Care“) bei Patient:innen ohne realistische Überlebenschancen frühzeitig zu argumentieren und gemeinsam im Team und unter Einbeziehung der nächsten Angehörigen festzulegen.
Der derzeitige „Spezialisierungswahn“ führt zu massiven Einschränkungen in der Behandlungskompetenz

Dieser Mangel an universell gut ausgebildeten Kolleg:innen ist wahrscheinlich auch die Ursache dafür, dass sich für bestimmte Primariate immer weniger geeignete Kandidat:innen finden. Der derzeitige „Spezialisierungswahn“ führt zu massiven Einschränkungen in der Behandlungskompetenz, speziell außerhalb der Kernarbeitszeiten. Letzteres stellt ein großes Hindernis bei Bewerbungen für medizinische Führungspositionen dar. Gerade im medizinischen Führungsbereich benötigen wir begeisterte Mediziner:innen mit breitem medizinischem Spektrum und entsprechender klinischer Erfahrung.
Was die Medizin nicht benötigt, sind Manager:innen, die ihre Tage zwangsweise in Büros und Sitzungen mit Verwaltungspersonal verbringen. Diese Fehlentwicklung wurde von der Politik und vor allem von den Krankenhausverwaltungen in Österreich in den letzten 20 Jahren massiv gefördert.

Wir benötigen ein neues, am gesamtgesellschaftlichen Wohle orientiertes Denken

Die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) arbeitet zur Lösung der wichtigsten Probleme eng mit den zuständigen Ministerien zusammen. Dabei erweisen sich die Mitarbeiter:innen der Ministerien meist als sehr kooperativ und verständnisvoll – die Umsetzung von Lösungsvorschlägen scheitert häufig an den dafür zuständigen Politiker:innen selbst, an Berufsverbänden und Kammern, die nicht bereit sind, ihre Eigeninteressen hinter das Gemeinwohl zu stellen – und letztlich auch am ausgeprägten Föderalismus unserer neun Bundesländer mit separaten Landessanitätsgesetzen.
Ich denke, die Probleme, mit denen wir national, aber auch international zu kämpfen haben, sind zu komplex, um sie mittels politischer oder standespolitischer Ideologien zu lösen. Wir benötigen ein neues, am gesamtgesellschaftlichen Wohle orientiertes Denken – und vor allem Verantwortliche mit neuen, innovativen Ideen für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens!

Ihr Walter Hasibeder

Interessenkonflikt: W. Hasibeder gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

xsHinweis des Verlags: Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Artikel erschienen im Springer Verlag am 14.01.2026

www.springermedizin.at